Vollständige Version anzeigen : Literatur- eure Lieblingsstellen


Tiller
11.12.2011, 11:38

Ich würde mich freuen, wenn ihr euch die Mühe machen würdet, einige eurer liebsten Stellen aus euren Lieblingsbüchern mit mir zu teilen. Ich hoffe, ihr habt beim Lesen einer meine Favoriten genauso viel Spaß wie ich!
Die folgende Seite stammt aus dem Buch "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace, S. 200 f:

"Ich bin Maurer von Beruf. Am Tag des Unfalls, dem 27. März, arbeitete ich allein aud dem Dach eines sechsstöckigen Rohbaus. Als ich mit der Arbeit fertig war, stellte ich fest, dass ich etwa 900 kg. Ziegelsteine übrig hatte. Statt diese mühsam von Hand nach unten zu tragen, beschloss ich, sie mithilfe eines glücklicherweise am 6. Stock des Rohbaus seitlich befestigten Flaschenzugs in einer Tonne hinabzulassen. Ich befestigte das Seil am Boden, ging aufs Dach, schwang die Tonne hinaus und belud sie mit den Ziegeln. Dann ging ich wieder nach unten, knotete das Seil los und hielt es gut fest, um ein langsames Herablassen der 9oo kg. Ziegelsteine zu gewährleisten. Wie Sie Kästchen Nr. 11 des Unfallprotokollformulars entnehmen können, wiege ich 75 Kilo.

Als ich jäh in die Höhe gerissen wurde, war ich so überrascht, dass ich die Geistesgegenwart verlor, und das Seil loszulassen vergaß. Es versteht sich von selbst, dass ich rasant an der Flanke des Gebäudes emporgezogen wurde. Auf halber Strecke, etwa in Höhe des 3. Stocks, kollidierte ich mit der herabsausenden Tonne. Hierher rühren der Schädelbruch sowie der Schlüsselbeinbruch.

Nur wenig verlamgsamt, setzte ich meinen rasanten Aufstieg fort und kam erst zum Halten, als sich die Finger meiner rechten Hand zwei Knöchel tief zwischen Seil und Rolle des Flaschenzugs befanden. Glücklicherweise hatte ich inzwischen meine Geistesgegenwart zurückerlangt und konnte mich beträchtlichen Schmerzen zum Trotz am Seil festklammern. Ungefähr zur selben Zeit war allerdings die Tonne mit den Ziegelsteinen auf dem Boden aufgeschlagen und hatte durch die Wucht des Aufpralls die Bodenplatte verloren.

Ohne die Last der Ziegel wog die Tonne jetzt schätzungsweise 30 Kilo. Ich weise Sie noch einmal auf mein in Kästchen Nr. 11 festgehaltenes Körpergewicht von 75 kg. hin. Wie Sie sich vorstellen können, begann ich, der ich mich nach wie vor am Seil festhielt, einen ziemlich rasanten Abstieg von der Seilrolle an der Hauswand hinab. Auf halber Strecke, etwa in Höhe des 3. Stocks, kollidierte ich mit der heraufsausenden Tonne. Hierher rühren die beiden Knöchelbrüche sowie die Fleischwunden an Beinen und Unterleib.

Die Kollision mit der Tonne verlangsamte mich genug, um meinen Aufprall auf den ziegelsteinübersäten Boden abzumildern. Zu meinem Leidwesen muss ich indes festhalten, dass ich, unter beträchtlichen Schmerzen auf den Ziegeln liegend, außerstande aufzustehen oder mich zu bewegen, mit der leeren Tonne sechs Stockwerke über mir, meine Geistesgegenwart erneut verlor und das Seil fahren ließ, woraufhin die Tonne" - Ende der Aufzeichnung.

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creative16
11.12.2011, 13:00

Verrückte Poeten haben mir vorgesungen, die Sprache sei arm, ach, sie sei arm, - o nein, mein Herr! Die Sprache, dünkt mich, ist reich, ist überschwenglich reich im Vergleich mit der Dürftigkeit und Begrenztheit des Lebens. Der Schmerz hat seine Grenzen: der körperliche in der Ohnmacht, der seelische im Stumpfsinn, - es ist mit dem Glück nicht anders! Das menschliche Mitteilungsbedürfnis aber hat sich Laute erfunden, die über diese Grenzen hinweglügen;
Thomas Mann - Enttäuschung.

[..;]So, wie er [Francois Rabelais; Anm. Meinerseits] war, ist er der hinreißendste und prägnaneste Ausdruck aller Stärken und Gebrechen seiner Zeit gewesen: unmäßig lebensgierig aus geheimem Lebensekel, überlaut lustig aus tiefer Melancholie und Zerissenheit, beißend boshaft aus Menschenliebe und Herzensfülle, ausschweifend närrisch aus hellster Vernünftigkeit;
Egon Friedell - Kulturgeschichte der Neuzeit; S. 321.


Kritiker
12.12.2011, 15:30

Habe vor einigen Tagen einen Blog ins Leben gerufen, der hauptsächlich Zitate aus Büchern und sonstigen Texten beinhaltet, die ich gelesen habe oder momentan lese. Vorschau:

Hierzulande gibt es keinen Unterschied zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal und den Menschen selbst. Keiner ist etwas anderes als sein Vermögen, sein Einkommen, seine Stellung, seine Chancen. Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen. Jeder ist so viel wert wie er verdient, jeder verdient so viel wie er wert ist. Was er ist, erfährt er durch die Wechselfälle seiner wirtschaftlichen Existenz. Er kennt sich nicht als ein anderes. Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen von sich selbst, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen. Sie beurteilen ihr eigenes Selbst nach seinem Marktwert und lernen, was sie sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht. Ihr Schicksal, und wäre es das traurigste, ist ihnen nicht äußerlich, sie erkennen es an. Der Chinese, der Abschied nahm, "Sprach mit umflorter Stimme: "Du mein Freund / Mir war das Glück in dieser Welt nicht hold. / Wohin ich geh? Ich wandere in die Berge, / Ich suche Ruhe für mein einsam Herz;"
I am a failure, sagt der Amerikaner. - And that is that.

- Theodor W. Adorno: Zwei Welten, In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, 288 Seiten. (Link@ Dialektik-Aufklärung-Philosophische-Max-Horkheimer/ )



Der Flüchtling ist der überflüssige, der überflüssig gemachte Mensch. Er ist die Arbeitskraft, die dem Recht auf Verwertung hinterherflieht, ist nichts als verwertbarer Körper auf der meist vergeblichen Suche nach seiner kapitalproduktiven Anwendung, reine Potenz ohne jedes Mittel ihrer Vergegenständlichung. Der deutsche Staat bringt ihn nicht um, zumindest nicht planmäßig; er nötigt nur hier ein bißchen, hilft da ein bißchen nach. Der Flüchtling ist kein Subjekt, sondern ein Gegenstand rechtsförmiger Verwaltung; er ist aber auch kein Ding, sondern ein Mensch, dessen Reduktion aufs Ding stetig vorangetrieben wird. Ausdruck dieser Degradation ist das Asylbewerberleistungsgesetz, das in § 3 regelt, daß "der notwendige Bedarf an Ernährung, Unterkunft, Heizung, Kleidung, Gesundheits- und Körperpflege und Gebrauchs- und Verbrauchsgütern durch Sachleistungen gedeckt wird". Diese Garantie des "notwendigen Bedarfs" gilt dem Erhalt des Individuums als eines Körpers, den man nicht zur Liquidation oder zur Vernichtung durch Arbeit bestimmt hat, den man vielmehr zwischenlagert und in seinen Basisfunktionen erhält, dessen physische Reproduktion man im Auge hat, während man ihn darauf abtastet und scannt, ob sich nicht doch eine brauchbare Arbeitskraft in ihm verbirgt und ein in Deutschland lebenswertes Leben. […] Der Flüchtling hat, einstweilen, das Recht auf Leben, aber dies Leben ist keines, denn es wird nur so erhalten, wie man einem Nutztier das Futter gibt. Der Flüchtling ist Exemplar, gehört einer Gattung an, die zwar auch atmet und denkt und ißt, aber mit den Subjekten weiter nichts gemein hat. Dieser Verzicht auf die Individualisierung ist der Rassismus. […] Am Flüchtling wird vollzogen, was der Arbeitskraft, was ihrem Subjekt schlechthin droht.

- Initiative Sozialistisches Forum, Vom Mensch zum Ding. Eine Anmerkung zum Asylbewerberleistungsgesetz, Joachim Bruhn. (;isf-freiburg~org/isf/beitraege/bruhn-asylbewerber;html)


creative16
14.12.2011, 12:53

Poetische, historische, journalistische Wahrheit

Der Wille zur Historie, der elementar in jeder "Nachwelt" lebt (die Historiker sind nur seine mehr oder minder ehrlichen Vollstrecker), vollzieht einen fortschreitenden Destillationsprozeß. Was sehr weit zurückliegt, ist bereits vom silbernen Ganze der Poesie umflossen und tritt mit jenem unwiderleglichen Identitätszeugnis vor unser Antlitz, das nur sie besitzt: es ist vollkommen "wahr" geworden. Was einigermaßen zurückliegt, hat im ausscheidenden, ausgleichenden, fällenden, reinigenden Gange der Kollektiverinnerung Wahrscheinlichkeit erlang: es ist "historisch" geworden.

Die Geschichte der Gegenwart aber befindet sich erst im Status eines schwebenden Prozesses, in dem bloß die vertuschenden Advokaten, die gehässigen Ankläger, die einfältigen und boshaften Sachverständigen, die falschen oder voreingenommenen, eingeschüchterten oder wichtigtuerischen Zeugen zu Worte kommen.

Wenn, wie ich in der Einleitung dieses Werks darzulegen versuchte, alle Geschichte der Vergangenheit nur Legende ist, so ist Geschichte der gegenwart Reportage, also die allerunwissenschaftlichste, subalternste, suspekteste From menschlicher Berichterstattung. [..;] Ist Geschichte neueren Datums, so redet aus ihr der Volksgeist, der zwar nur örtlichen, irdischen Ursprungs ist, aber von dem instinktischeren Wissen der Gattung geleitet wird. Die Geschichte der Gegenwart jedoch hat zu ihrem Mundstück bloß den Geist des "Herausgebers", eines verschlagenen, zelotischen, mit der eisernsten Entschlossenheit zur Lüge gepanzerten Geschöpfes, das nur sich und einem Parteidogma dient: Ob es sich hierbei um die Herausgabe von Schulbüchern oder Blaubüchern, diplomatische Noten oder Generalstabsberichten oder aber um wirkliche Journale handelt, macht keinen Unterschied: alle Beiträge zur Gegenwartsgeschichte haben de Wahrheitswert der Zeitung.

Um zur historischen Wahrheit zu gelangen, hat man daher nur dreierlei stets und gewissenhaft zu beobachten: gläubige Ehrfurcht vor der Heiligkeit der poetischen Geschichte, leichtgläubiges Vertrauen in das sichere Taktgefühl der überlieferten Geschichte und tiefstes Mißtrauen in die Blödsichtigkeit und Falschmünzerei der "Zeitgeschichte". Der ganze Sachverhalt läßt sich auch in aller Kürze in den Ausspruch eines englischen Schriftstellers zusammenfassen: "very nearly everything in history very nearly did not happen"; weniger lakonisch, aber ebenso unmißverständlich sagt Nietzsche:
"Ein Geschichtschreiber hat es nicht mit dem, was wirklich geschehen ist, sondern nur mit den vermeintlichen Ereignissen zu tun..;Sein Thema, die sogenannte Weltgeschichte, sind Meinungen über vermeintliche Handlungen und deren vermeintliche Motive..;Alle Historiker erzählen von Dingen, die nie existiert haben, außer in der Vorstellung;"

[..;]

"Kritische" Geschichtsschreibung

Schopenhauer sagt nicht ohne Schärfe: "Zu den Unvollkommenheiten der Geschichte kommt noch, dass die Geschichtsmuse Klio mit der Lüge so durch und durch infiziert ist wie eine Gassenhure mit der Syphilis. Die neue, kritische Geschichtsforschung müht sich zwar ab, sie zu kurieren, bewältigt aber mit ihren lokalen Mitteln bloß einzelne, hier und da ausbrechende Symptome; wobei noch manche Quacksalberei mitunterläuft, die das Übel verschlimmert;" [..;] Nur die zunehmende Phantasielosigkeit und Talentlosigkeit, das Schwinden der natürlichen schöperischen Instinkte hat die "wissenschaftliche" Geschichtschreibung erzeugt. [..;] Die Geschichtschreibung der Aufklärung hat doch wenigstens insofern einen phantastischen Charakter gehabt, als sie bestimmten Tendenzen huldigte, die sie durch die stark gefärbten Ereignisse bunt illiminierte; sie war ein Stück Geschichte, gesehen durch ein Temperament, und im prinzip von der theologischen Geschichtsauffassung gar nicht so entfernt, weshalb Montesquieu Voltaire vorhielt, er schreibe wie ein Mönch für seine Kirche.

In der "kritischen" Geschichtsforschung ist aber die Philologie ebenso die Herrin der Poesie geworden, wie dies der Alexandrinismus der Neuzeit bereits längst in der Literaturforschung vollbracht hatte. Das Wesen dieser Schule, die jahrzehntelang als die einzig legitime und der höchste Triumph des "historischen Jahrhunderts" galt, besteht ganz einfach darin, dass in ihr der kondische Respekt vor allem Geschriebenen und Gedruckten, der sich von dem Aberglauben des Ungebildeten an den Zeitungsbericht nur dem Grad nach unterscheidet, methodisch geworden ist. Eine historische Tatsache galt von nun an für umso sicherer, je mehr "Belege" für sie aufzutreiben, also je mehr Buchstaben auf ihre Überlieferung verwendet waren, während doch gerade die Häufung der Berichte, wenn sie sich widersprechen, die Sache nur zu verwirren vermag, und wenn sie sich nicht widersprechen, erst recht geeignet ist, zu einem Fehlurteil zu führen, weil sie dann gewöhnlich voneinander abgeschrieben sind; ja man ging sehr bald so weit, überhaupt nur "Originalquellen" gelten zu lassen, also im wesentlichen sogenanntes "diplomatisches" Archivmaterial, womit man glücklich im finstersten Höllenpfuhl der Lüge angelangt war und, in konsequenter Weiterverfolgung des Systems, schließlich bei der Zeitung landete, die nicht wenigen gewissenhaften Historikern, weil sie den Ernst ihres verantwortungsvollen Geschäfts nicht durch die Willkürlichkeit philosophischer Konstruktionen und die Frivolität psychologischer Konjekturen zum Feuilletonismus zu erniedrigen wünschen, als die würdigste Geschichtsquelle gilt.

"Exakt" feststellen läßt sich an allen diesen Relationen, Depeschen, Noten, Bulletins, Zirkularen, Denkschriften nur, dass ihre Verfasser entweder gottverdammte Lügner oder ahnungslose Tölpel waren, indem sie den Sachverhalt entweder entstellten oder nicht kapierten. Das Einzige, was ein wirklich kritischer Kopf aus diesen Dokumenten entnehmen könnte, wäre also, dass überhaupt nichts passiert ist; außer Schurkerei und Dummheit. Dass sie genau so eingetreten sind, lässt sich überhaupt nur von jenen vergangenen Ereignissen beweisen, von denen man auch beweisen kann, dass sie immer wieder genau so eintreten werden. Ich kann zum Beispiel wissenschaftlich, das heißt: völlig präzise und eindeutig konstatieren, dass [..;] ein elektrischer Strom aus einem Kupfervitriolbad ein gewisses Quantum Kupfer ausgeschieden hat, dass eine Kanonenkugel ihre Flugbahn mit einer mittleren Geschwindigkeit von 500 Metersekunden beschrieben hat, dass ein Infusiorenschwarm, dem Lichtreiz folgend, nach dem besonnten, Tropfenrande gewandert ist.
Das sind aber lauter Vorgänge, die sich widerholen können, ja müssen: wir glauben, dieselben Bedingungen vorausgesetzt, an ihre zukünftige Existenz ebenso felsenfest wie an ihre vergangene. Von einem historischen Geschehnis können wir uns aber nicht einmal vorstellen[/], dass es eine Repetition erleben könne, geschweige denn dass wir davon überzeugt wären, und das hat seinen Grund darin, dass es ein individuelles Ereignis ist oder, was dasselbe heißt, ein seelisches Ereignis.
Von seelischen Vorgängen gibt es keine Dubletten. Nicht für die zukunft und nicht für die Nachwelt! Von seelischen Vorgängen gibt es keine Wissenschaft (denn sie sind nicht physische, sondern metaphysische Tatsachen), und wer es leugnet, besitzt selber keine Seele oder vielmehr: er hat vergessen, dass er eine besitzt.

[..;]

Geschichte wird erfunden

Der italienische Philosoph und Historiker Benedetto Croce, einer der weisesten und redlichsten Denker der Gegenwart, sagt über die "philologische" Geschichtsforschung:
"Wenn man die Methode der Zeugnisse in ihrer ganzen Strenge anwendet, so gibt es kein Zeugnis, das nicht verdächtigt und entkräftet werden könnte..;wenn man willkürlich und um äußerer Merkmale willen gewisse Zeugen gelten lässt, so gibt es nichts Verschrobenes, das man nicht annehmen müsste, denn es gibt nichts Verschrobenes, das nicht die Autorität von rechtschaffenen, reinen und intelligenten Männern auf seiner Seite hätte: mit der philologischen Methode kann man nicht einmal die Wunder zurückweisen, da sie sich auf ebenso beglaubigte Zeugnisse stützen wie die kriege und Friedensschlüsse"; und über die historische "Kritik" bemerkt er: "Die Hyperkritik ist die natürliche Fortsetzung der Kritik, die Kritik selbst.;~Es gibt keine sicheren und unsicheren Autoritäten, sondern alle sind gleich unsicher, und zwar in ihrer Unsicherheit auf eine ganz äußerliche und mutmaßliche Weise herabgestuft. Wer schützt uns vor dem Falschen, das ein sonst genauer und gewissenhafter Zeuge aus Zerstreutheit oder vorübergehender leidenschaftlicher Erregung behauptet?"

Da also alle Zeugnisse gleich dubios sind (und andererseits alle gleich brauchbar, denn auch die handgreiflichsten Irrtümer, Lügen, Nichtigkeiten sind Material für den Historiker, und nicht selten ein sprechendes, schlagendes), wodurch bestimmt sich die historische Wahrheit? Die Antwort lautet: wir wissen es nicht; es ist ein Mysterium wie alles andere. Gewisse Ereignisse, Gestalten, Ideen werden langsam im Gange der Geschichte wahr, andere werden falsch; oder, vielleicht korrekter ausgedrückt: die einen werden historisch existent, die anderen historisch nichtexistent.

[..;]

Geschichte wird erfunden: täglich neuentdeckt, wiederbelebt, uminterpretiert nach dem jeweiligen Bedrüfnis der Weltkonstruktion. Wir stoßen hier wiederum auf jenes Gesetz, das wir schon mehr als einmal hervorgehoben haben: dass nämlich der Geist das Primäre ist und die Wirklichkeit nur seine Projektion und Materialisation.

[..;]

Auf einmal sind die "historischen Zeugnisse" da! Sind sind da, weil der Geist des Empfängers da ist, der sie schafft. Alle "geschichtlichen Tatsachen" sind da, aber die meisten liegen tot oder scheintot in tiefem Märchenschlaf und warten auf ihre Wiedererweckung. Geschichte ist nicht etwas, das ist, wie naive Wissenschaftlichkeit glaubt, sondern etwas, was stetig wird, mit jedem Tage neu wird, sich wandelt, umkehrt, umschafft, verjüngt, verleugnet, entwickelt, rückentwikelt, wie jeder Mensch täglich ein neuer wird, für sich und für die andern.

Die Rangerhöhung der Geschichte

[..;]Seine [Theodor Lessings; Anm. Meinerseits] Grundidee liegt bereits im Titel ["Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen"; Anm. Meinerseits]: dass sich nämlich durch die Geschichte ein Zusammenhang von Ursachen und eine Entwicklung in der Zeit nicht unmittelbar und ohne menschliche Zutat offenbart. "Sondern Geschichte ist die Stiftung dieses Sinnes; die Setzung dieses Zusammenhangs; die Erfundung dieser Entwicklung. Sie vorfindet nicht den Sinn der Welt, sie gibt ihn;"
Geschichte ist logificatio post festum. Der Begriff der "Wirklichkeit", sagt Lessing, sei nicht so einfach, wie der Historiker meint, der nur das für wirklich hält, was sich "aktenmäßig nachweisen lässt", und alles andere für "bloße Sage" erklärt; man werde eines Tages bemerken, "dass außerhalb der Mechanik überhaupt keine exakte Wirklichkeit aufweisbar ist und dass Lebendiges eben nur gelebt, nicht aber festgestellt werden kann;" [..;] "Alle Geschichte hat das Bestreben, bei der Tatsache anzufangen und beim Sinnbild zu enden", welches wahr ist, während die Tatsache bloß wirklich ist. [..;]
"Erst dann", sagt Lessing an einer Stelle seines Werks, "wenn das Gedächtnis mehrere Jahrtausende zu einem Ganzen zusammenfaßt, emfpinden wir deutlich die dichterische Gewalt der Geschichte"; "Großes erkennt man erst, wie Moses Gott erkannte: wenn es vorübergewandelt ist;"

[..;]

Die Geschichtsschreibung der letzten Generationen, die sich die "positivistische" nannte, war in Wirklichkeit eine extrem negativistische, destruktive, skeptische. Sie erlitt das Schicksal, das dem "Wirklichkeitssinn" auf allen Gebieten zuteil wird, indem er erfahren muss, dass er seine intensivere Kenntnis gewisser subalterner Erlebnisausschnitte mit dem Verlust aller anderen erkaufen muss und daher kein schärferer und reicherer, sondern ein unendlich ärmerer und stumpferer Sinn ist. Oder, um es in aller Kürze zu sagen: dass der Verfasser eines Geschichtswerks kein Historiker ist, wird heute niemand anders mehr beunruhigen als die Historiker.

[..;]

Dass man das Weltalter, das um zwei bis drei Jahrtausende jünger ist as das unsere, das Altertum nennt, beruht auf derselben naiven Optik, nach der wir uns unseren Großpapa unter allen Umständen als alten Herrn vorstellen, während er doch in Wirklichkeit zweifellos jünger war als wir, nämlich wärmer, unkomplizierter, kindlicher. [..;] Und daher ist alte Geschichte in höherem, echteren, reinerem Sinne Geschichte als neuere oder gar Geschichte der Gegenwart, in demselben Sinne nämlich, in dem die Geschichte unserer Kindheit und Jugend wahrer ist als die Geschichte unserer reifen und überreifen Jahre: jedermann hat das unabweisbare, obschon unbeweisbare Gefühl, dass sein Leben damals realer, beglaubigter, stärker, seiender gewesen ist, wenngleich die "Quellen" viel interrupter, spärlicher, trüber fließen und "Urkunden" so gut wie ganz fehlen.
Daher die Begeisterung, die das Altertum als Gegenstand der Geschichtsleidenschaft zu allen Zeiten ausgelöst hat, und die Kühle, die die Betrachtung gegenwärtiger Zustände umweht. Und doch werden auch diese Zeiten einmal Jugend sein und in Wahrheit und Schönheit erglänzen. Jedes Zeitalter wird einmal zum goldenen Zeitalter unter unserem vergoldeten Blick: es muss nur lange genug vergangen sein. Dann auch ist es erst wahrhaftig gegenwärtig, an dem einzigen Orte, wo Dinge wahrhaftig gegenwärtig zu sein vermögen: im Geiste.

Die Gegenwart aber, die der Nebel der Nähe grau und undurchsichtig macht, muss der Farbe ebenso entraten wie der Klarheit; auf sie fällt nur der gläserne Blick der Idiosynkrasie;

[I]Egon Friedell - Kulturgeschichte der Neuzeit - Viertes Buch, "Romantik und Liberalismus - Vom Wiener Kongress bis zum deutsch-französischen Krieg"; Erstes Kapitel, "Die Tiefe der Leere" - S;941 - 952.


chEEky.Monkey
02.02.2012, 03:41

Hier einer meiner Favoriten:
Wilhelm Tell:

"Vor dem Haus von Tell spielen seine Buben mit einer kleinen Armbrust und Tell repariert seine Pforte. Seine Frau Hedwig teilt ihm ihre Ängste mit, wenn er in die Berge zur Jagd geht. Tell beruhigt sie und erwidert, dass dies nicht gefährlich sei, für Leute die Gott vertrauen und in den Bergen geboren sind. Tell will nach Altdorf seinen Schwiegervater besuchen und sein Sohn Walther möchte mit. Seine Frau warnt ihn, er solle doch erst dorthin gehen, wenn der Landvogt abgereist wäre. Doch Tell hat keine Angst und nimmt seine Armbrust mit.
3. Aufzug, 2. Szene
In einer wilden Waldgegend jagen Bertha von Bruneck und Ulrich von Rudenz. Als sie von der Jagdgesellschaft getrennt und alleine sind, wirft Bertha Ulrich vor, dass er ein Sklave Österreich wäre und seine Heimat verraten hätte. Er könne ihre Liebe nur dann gewinnen, wenn er für Vaterland und die Freiheit kämpfen würde.
3. Aufzug, 3. Szene
Auf einer Wiese bei Altdorf ist der Hut von Landvogt Gessler auf einer Stange angebracht. Söldner überwachen, dass der Hut ehrerbietig gegrüsst wird. Nachdem Tell dem Hut keine Refernz erwiesen hat wird er verhaftet. Es kommt zu einem Tumult, als Landsleute Tell helfen wollen. Dann trifft der Landvogt mit grossem Gefolge ein. Dieser bestimmt, dass Tell zur Rettung beider Leben seinem Sohn einen Apfel aus einer Entfernung von 80 Schritte mit der Armbrust vom Kopf schießen soll. Tell bietet ihm sein Leben an, doch der Landvogt Gessler besteht auf den Schuss. Tell nimmt aus dem Köcher zwei Pfeile und schießt auf den Apfel. Der Apfel wird vom Pfeil getroffen und der Junge ist unverletzt. Dann fragt Gessler warum Tell zwei Pfeile aus dem Köcher genommen hätte. Dieser antwortet ihm, falls er den Jungen getroffen hätte, wäre der nächste Pfeil für ihn bestimmt gewesen. Daraufhin wird Tell verhaftet und er soll nach Küßnacht überführt werden;"

Enjoy ;)


PzYcHo.DaD
02.02.2012, 03:56

Also eine Lieblingsstelle gibt es in dem Buch net.;~es ist einfach das ganze Buch.
Goethe's Faust ist einfach genial und meine "Lieblingsstelle".

Nicht umsonst stammen ganz viele Zitate aus diesem Buch, wie z;B: "Die Botschaft hört ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!"
oder

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel-
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann über Büchern und Papier,
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden!
Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewölb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft-
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!
Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!

greetz


Dennissun
03.02.2012, 19:10

Die Eleganz des Igels von Muriel Barbery.

Dieses Buch gehört nicht unbedingt zu meinen Favouriten,aber es ist durchaus lesenwert~Es ist eine rührende Geschichte mit viel Moral;Die Autorin spricht ungeniert,charmant und mit viel Witz über die "gehobene" Gesellschaft und stellt diese ins Lächerliche;Nebenbei zieht sie den Außenseiter,die hässliche,aber sehr gebildete Concierge des Hauses aus ihrer Kammer und schenkt ihr förmlich ein neues Leben. Der Konflikt zwischen Arm und Reich lässt das Buch sehr authentisch wirken.

Die folgende Texstelle gefällt mir sehr, weil sie wahr ist. Das lass ich mal so stehen,denn es gibt oft Momente im Leben,in denen man einfach vor sich hinlebt.

"[..;] Man darf das alles also auf keinen Fall vergessen;Wir müssen mit der Gewißheit leben,daß wir alt werden und das nicht schön,nicht angenehm und nicht lustig sein wird;Und uns sagen,daß das Jetzt wichtig ist:jetzt etwas aufbauen,um jeden Preis,mit aller Kraft;Immer das Altenheim vor Augen haben,um jeden Tag über sich selbst hinauszuwachsen,um jeden Tag unvergänglich zu machen;Schritt für Schritt seinen eigenen Everest erklimmen und es so tun,daß jeder Schritt ein bißchen Ewigkeit ist.
Dazu nämlich dient die Zukunft:die Gegenwart aufzubauen,mit echten Vorsätzen,als Lebende;"


finkle
14.02.2012, 14:40

sind textpassagen aus dem steppenwolf

;youtu~be/yeOkElsjCuo


Dennissun
22.02.2012, 20:06

Frank Schätzing - Der Schwarm

Spannendes Buch, das sehr informativ und lehrreich ist. An manchen Stellen allerdings zäh zu lesen, unteranderem bedingt durch eine kleine Schriftgröße und detaillierten Beschreibungen biologischer Vorgänge.

" Forschungen zufolge ist der Mensch ab einer gewissen Sub-bzw. Metastufe nicht mehr in der Lage, Intelligenz als solche zu erkennen. Als Intelligenz begreift er nur, was im Rahmen seines Verhaltens liegt. Jenseits dieses Rahmens, im Mikroskosmos etwa, würde er sie schlicht übersehen. Ebenso wird er in einer höheren Intelligenz, einem weit überlegenem Geist, bloßes Chaos erblicken, weil er dessen komplexe Sinnschlüsse nicht zu entwirren vermag. Entscheidungen einer solchen Intelligenz blieben ihm unverständlich, da ihr Parameter zugrunde liegen, die seine intellektuelle Verarbeitungskapazität übersteigen. Auch ein Hund sieht in einem Menschen nur die Macht, der er sich unterordnet, nicht den Geist. Menschliches Verhalten mutet ihm sinnlos an, weil wir auf Grundlage von Überlegungen handeln, die seine Wahrnehmung überfordern. Wiederum werden wir Gott, falls es ihn gibt, nicht als Intelligenz wahrnehmen können, weil sein Denken auf einer Gesamtheit von Überlegungen fußen dürfte, deren Komplexität sich uns bei weitem entzieht. Als Folge ist Gott chaotisch in unseren Augen und mithin kaum der Richtige, um die ortsansässige Fußballmannschaft gewinnen zu lassen oder Kriege zu vereiteln. Ein solches Wesen läge jenseits der äußerstmöglichen Grenze menschlicher Verständnisfähigkeit. Woraus sich zwingend die Frage ableitet, ob das Metawesen Gott seinerseits überhaupt in der Lage ist, uns auf unserer Substufe als Intelligenz wahrzunehmen. Vielleicht sind wir ja nur ein Experiment in einer Petrischale..;"


Eine interessante Überlegung, mit der man sich mal auseinandersetzen sollte...


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